Das Gebiet der Flüsse Caquetá und Putumayo liegt, wie in meinem letzten Beitrag beschrieben, im südlichen Kolumbien bzw. nördlichen Peru. Die Region ist, wie Kasia Wojtylak in ihrer 2020 veröffentlichten Referenzgrammatik des Murui beschreibt, "kulturell relativ homogen" ["relative cultural homogeneity, Wojtlak 2020: 15]. Das bedeutet zunächst, dass die Bewohner des Gebiets Traditionen und andere kulturelle Aspekte wie Mythen, Lieder und Lebensphilosophien teilen; jedoch geht es hier auch um sprachliche Aspekte.
In dieser Reihe von Beiträgen über das Caquetá-Putumayo-Gebiet wird es um vier Themen in vier verschiedenen Posts gehen:
- Die Bewohner
- Ihre Kulturen
- Ihre Geschichte und Geschichten
- Ihre Sprachen
Wie in der Liste sichtlich, habe ich absichtlich diese Titel in die Mehrzahl gesetzt. Während wir meiner Meinung nach sehr gerne kategorisieren und verallgemeinern, indem wir Gruppen und Sprachen zusammengruppieren, um sie dann miteinander zu vergleichen und über deren Ähnlichkeit zu berichten, hat doch jede Gruppe, jede Gemeinschaft und jedes Individuum ihre eigene Art und Weise die jeweilige Geschichte aus ihrer Perspektive zu berichten. Wenn wir von "Sprachen" und "Völkern" reden, sollten wir auch von "Kulturen" und "Geschichten", statt von "Kultur" und "Geschichte" sprechen. In dieser Reihe soll es darum auch um individuelle Perspektiven gehen, meinem Forschungsschwerpunkt geschuldet dann oft die der Andoke.
Nun da dies gesagt worden ist, ist es Zeit einzusteigen.
Wer lebt dort?
Die erste Frage, die wohl bei der Konfrontation mit diesem Thema aufkommt, ist vermutlich: wer sind jetzt eigentlich die Menschen, die dort wohnen? Während in anderen Fällen das Abgrenzen von Gebieten innerhalb größerer Gebiete, besonders im Kontext von kulturellen oder sprachlichen Kreisen, sich als äußerst schwierig herausstellt, hilft uns im Falle des Caquetá-Putumayo-Gebiets die indigene Sichtweise selber. Tatsächlich gruppieren sich die Völker der Region selbst in drei Gruppen, welche mir in Gemeindetreffen in Leticia vorgestellt worden waren:
- die Menschen der Mitte, welche im Caquetá-Putumayo-Gebiet leben
- die Menschen des Wassers, welche im Gebiet von Leticia und Tabatinga leben
- sowie die Menschen des Yurupari-Jaguars, welche nordöstlich und östlich beider vorhergenannten Gruppen hausen
Die Menschen der Mitte wurden erst durch Juan Alvaro Echeverris 1997 veröffentlichter Dissertation in die anglophone Akademialiteratur eingeführt. Es sind genau diese Menschen der Mitte mit denen ich zusammenarbeite, und denen ich mich in diesem Blog widme.
Jetzt, wo ich diese Grundlagen beschlossen habe, können wir erneut fragen: wer sind die Menschen der Mitte?
Die Menschen der Mitte
Die Menschen der Mitte, oder wie die Andoke sie nennen, die dɯiɲṍʔĩ ʌɲõẽ, bestehen aus den Bora, Féénemɨnaa, Ocaina, Nonuya, Witoto, Resígaro, und den Andoke. Falls Sie mit der Literatur vertraut sind, kennen Sie die Féénemɨnaa wohl unter dem Namen 'Muinane', was jedoch eine Fremdbezeichnung der Witoto ist. Wie der Name schon sagt, ist eine Fremdbezeichnung eine Bezeichnung für ein Volk oder eine Sprache, gegeben von einem anderen Volk — so wie wir uns selbst auch nicht Germans nennen. Auf eine ähnlichec Weise ist "Witoto" eine Fremdbezeichnung, gegeben vermutlich durch die Carijona, in deren Sprache wɨtoto 'Mensch' oder 'Feind' bedeutet. Der Terminus "Andoke" geht dahingegen wohl auf das Witoto zurück, in dem ádokɨ 'Berg' bedeutet. Es wird angenommen dass eintreffende Peruaner das Wort für "Berg" wohl als Bezeichnung für die dort lebenden Menschen sich aus dem Witoto liehen, und nutzten. Die Andoke selbst nennen sich pʌ́ʌsiʌ́hʌ — 'Axtmenschen'. Mehr zu diesem Namen gibt es in Teil 2.
Die Menschen der Mitte, wie es Kasia oben formulierte, sind "relativ homogen". Jedoch bedeutet das natürlich nicht, dass sie alle gleich sind. Tatsächlich besteht jeder der obengenannten Gruppen aus mehreren Klans und Stammlinien unterschiedlicher Größen. Beispielsweise sind die Andoke, welche im Moment etwa 500 Mitglieder zählen, unterteilt in zwei Stammeslinien (rot und weiß), sowie einer Menge an Klans, z.B. toʔbeɤ̃siʌ́hʌ, den Rehklan; kadanɤ̃isiʌ́hʌ, den Adlerklan; oder ĩɒ̃ʌ́hʌ, den Sonnenklan. Jeder Andoke-Klan hat einen Hauptmann (poʔsoʌ), und die gesammte Gruppe wird von einem Häuptling, dem tɤ̃ʔnɤ̃ɸoa, geleitet.
Wie die Andoke sind die anderen Menschen der Mitte auch in Klans organisiert, während man generell sich patrilinear und virilokal verhält, also sich nach dem Vater und dem Ehemann richtend. Heutzutage wird diese Organisation immer weniger stringent; eine meiner Informanten ist die Tochter eines Nonuya-Mannes mit einer Andoke-Frau, wobei sie sich als Andoke identifiziert. Im Gegensatz zur Vaupés-Region im Norden scheint die Exogamie, also die Heirat außerhalb der eigenen Gruppe nicht sonderlich verbreitet gewesen zu sein. Tatsächlich scheint es eher so, als ob in früheren Zeiten die Heirat zwischen Gruppen sogar seltener als die Heirat innerhalb der eigenen Gruppe gewesen sein könnte. Mehr dazu gibt es in einem zukünftigen Beitrag.
Wie viele Menschen gibt es dort?
Die letzte Frage für heute wird sich mit der Anzahl der Menschen der Mitte beschäftigen. Wieder einmal beinhaltet Wojtylak (2020) nützliche Informationen; sie verglich ihre eigenen Zahlen mit denen von Whiffen (1915), einem der ersten Werke aus der Region. Beide Datenmengen sind natürlich fehleranfällig, aber sie sind gute Annäherungen — fürs Erste zumindest.
| Abb. 1. Ungefähre Sprecherzahlen. |
Wie man in der linken Tabellenhälfte sieht, war die Bevölkerung der Menschen der Mitte vor dem sog. "Rubber Boom" sehr viel höher als heutzutage. Weitere Auswirkungen des Kautschukbooms und seinen historischen Hintergründe werden Thema des dritten Teils dieser Reihe.
Zusammenfassung
Kurzum: die Menschen der Mitte ist eine Eigenbezeichnung und eine indigene Klassifikation; es gibt mehr oder weniger sieben ethnische Gruppen innerhalb dieser Bezeichnung, welche selbst dann in Klans und andere Untergruppen aufgeteilt sind. Es gibt nur sehr wenige Sprecher der korrespondierenden Sprachen, und insbesondere im Vergleich zum Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Veränderungen drastisch.
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